Motor City Drum Ensemble – DJ Kicks

Ein Freitagmorgen im Waldsee in Freiburg. Nur noch wenige Gäste stehen an der Bar. Aufmerksam hören sie dem Eigentümer eines Weinguts zu. Mit bildstarker Sprache beschreibt er den Geschmack eines Weines. Worte wie “gelbe Himbeere”, “Holunderblüte” und “Quitte” fallen. Aromen, die auch eine ungeübte Nase, ein unerfahrener Gaumen, herausfiltern können. Die letzten Minuten von “Beats & Öxle”, einer Hör- und Geschmacksnerven gleichermassen schmeichelnden Veranstaltung im Freiburger Ausgehkalender mit Gastgeber Rainer Trüby sind angebrochen.

Neben Veranstalter Trüby und der Winzerfamilie steht in dieser Nacht auch der Gast-DJ im Mittelpunkt. Der Flyer hat ihn zurückhaltend angekündigt. Danilo Plessow. Die Buchstabenfolge MCDE, in kleiner Schrift gehalten, sind dem Namen in Klammern hintangestellt. Dem Connaisseur genügen diese wenigen Angaben, um sich mit glänzenden Augen ins Waldsee aufzumachen. Mit den Platten “Raw Cuts 1 & 2” und Raw Cuts 3 & 4, erschienen 2008, hat er sich in kürzester Zeit eine grosse Fanbasis erarbeitet. Gerade erst hat er mit “Lovely One” und dem darauf enthaltenen Stück “Frontin'” einen kleinen Hit auf Ralph Lawsons Label 20/20 Vision verzeichnen können. Wir schreiben das Jahr 2009, und grosse Remixleistungen wie seine Überarbeitung von Tom Tragos Passion oder DJ Sprinkles’ Grand Central Pt. 1 stehen noch aus. Ebenso der Track “Monorail”. Und, und, und.

Danilo Plessow steht am Mischpult. Er lässt eine Platte auslaufen und blendet in deren Nachhall einen obskuren, skurilen Track ein. Könnte etwas von Sun Ra sein. Oder Miles Davis. Oder das Stück eines unbekannten, lediglich unter Trainspottern stark nachgefragten Musikers. Auf jeden Fall Jazz. Dorthin, zu dieser Musik, kehre er immer wieder zurück, sagt Plessow im Anschluss an diese Platte. In dieser Musik gebe es für ihn als DJ und Produzent so vieles zu entdecken. Rhythmusstrukturen, Harmonien, Klangräume. Aber auch Stille. Die letzte Flasche Wein wird geöffnet. Und der letzte Song gespielt. Danilo Plessow legt eine 10″ auf. Wiederum Jazz.

Mit Jazz endet dieser eine Abend im Februar 2009. Mit Jazz eröffnet Danilo Plessow alias Motor City Drum Ensemble seine Compilation für die DJ-Kicks Reihe auf K7!, die in diesem Sommer erscheint. Aus dem Jazz heraus, aus seiner Rhythmik und seinen Harmonien heraus entwickelt er seinen Mix. “Door To The Cosmos” heisst der erste Track. Produziert, nein, komponiert hat ihn der wundervolle wie auch wundersame Herman Poole Blount. Das ist Sun Ra. Der Titel dieses Openers ist Programm für die Compilation von MCDE. Und ebenso das Leitmotiv für die DJ-Kicks Compilationreihe. DJs, Produzenten, Musiker geniessen hierauf die künstlerische Freiheit, ein musikalisches Reiseprogramm zusammenzustellen, das nicht streng auf den Club, auf eine Tanzfläche hin ausgelegt ist. Sie können Einblick gewähren in die Wurzeln und Einflüsse, die “roots and influences” ihres persönlichen künstlerischen Schaffens. Im besten Fall gelingt es ihnen, mit ihrer Auswahl und mit dem Arrangement der einzenen Songtitel, die Tür zu ihrem eigenen Künstlerkosmos, zu ihrem Musikuniversum, zu öffnen und den Hörer eintreten zu lassen.

Manch einer, der in der Vergangenheit für eine “DJ-Kicks” ausgewählt wurde, öffnete die “doors to the cosmos” nur einen Spalt weit. Manch ein anderer verweigerte sich gänzlich. Entsprechend schnell verpuffte auch die Wirkung ihrer Compilation. Und Plessow? Unter seinem Motor City Drum Ensemble-Alias spricht er eine Einladung aus, der man sich als Hörer nicht verweigern kann. Ganz sanft, und dennoch mit festem Griff nimmt er einen mit auf eine ganz persönliche, man möchte sagen: intime Reise durch seine Welt, in der er sich als DJ und Produzent, aber auch als Plattensammler, Musikliebhaber und -geniesser bewegt.

Das zeigt bereits der Übergang zu “Again” im Scratch 22 Remix. Die Produzenten des Originals sind Electric Wire Hustle aus Neuseeland. Sie bewegen sich mit ihrer Musik im Umfeld von Hip Hop, Soul und Jazz, einem Sound, der durch Legenden wie Pete Rock oder J Dilla Unsterblichkeit erlangt hat – und auf den sich Danilo Plessow im Rahmen seines Projektes “Inverse Cinematics” immer wieder berufen hat. Philadelphia trifft auf London trifft auf Detroit. Rhythmus trifft auf Klang. Genauso wie in “Mango”, dem nachfolgenden Stück. Müssig zu schreiben, wer sich hinter “Rhythm & Sound”, seinen Urhebern, verbirgt. Auf Rhythmus und Klang basieren letztendlich die Genre, die der Stuttgarter und nun Wahl-Kölner in seinem Mix verarbeitet, sei es Jazz, Disco, House oder auch Techno. Der kleinste gemeinsame Nenner? Vielmehr das Fundament, der Nährboden. Weiter geht die Reise zu Tony Allens “Ariya” und “Stuck” von Peven Everett. Es ist ein Klassiker, der insbesondere auf Festivals wie dem Southport Weekender im Nordwesten Englands schon längst zu einer Heimathymne geworden ist. Es ist die warme, organische Stimme Peven Everetts, die das Herz tief berührt. Soul, Neo Soul oder Soulful House – die Kategorien überschneiden sich. Die Kategorien interessieren nicht. Denn letztendlich sind es “rhythm & sound”, Rhythmus und Klang, welche die Stücke wie ein inneres Band zusammenhalten.

In der Folge zeigt Plessow Ausschnitte aus der Tanzmusik der Windy City. Chicago. Er lässt “The Juice” von Larry Heard a.k.a. Mr. Fingers auf “Can Your Love Find It’s Way” von Rick Poppa Howard treffen. Alt begegnet neu. 1988 wird 2009 gegenüber gestellt. Beide Songs fliessen nahtlos ineinander über. Keine Reibung entsteht. Kein Bruch. Klassischer House ist zeitlos. Erster Höhepunkt? Für mich erreicht mit “On This Vibe” von Fred P. Das liegt nicht nur daran, dass ich den New Yorker DJ und Produzenten überaus schätze und verehre. Der Mix bekommt an dieser Stelle eine neue Wendung. Die Spannungskurve ist aufgebaut, die Reisehöhe ist erreicht. Nun gilt es, sie zu halten. Wo manch ein DJ scheitert, vielleicht aus Übermut zu schnell voranprescht, macht Plessow hingegen alles richtig. Er schöpft Kraft aus dem Funk eines Geraldo Pino & The Heartbeats und der klangfarbenstarken Musik des französischen Komponisten Philippe Sarde. Diese benötigt er auch für den kurzen Zwischensprint, welchen er mit “The Pace” von Robert Hood einlegt. Hier erhöht er die Schlagzahl und steuert unmittelbar auf den Moment maximaler Erregung zu. Kulminationsphase.

Damit kommt Danilo Plessow alias Motor City Drum Ensemble in Detroit an. Diese Stadt zählt ebenso zum House- und Techno-Kosmos des DJs und Produzenten. Sie ist seine Sehnsuchtsheimat, was nicht zuletzt auch sein Künstler-Alias zum Ausdruck bringt. Ein Track von Loose Joints, ein ausgewählter Remix der New Yorker Disco-Legende Walter Gibbons sowie ein eigens für diese Compilation produziertes Stück folgen nach, bevor mit “Actium” von Aphex Twin und Recloose im Isolée Remix eine elektronisch-experimentelle Richtung eingeschlagen wird. Die CD endet mit “Sweet Power, Your Embrace” von James Mason. Und wirklich: Nie hat einen Danilo Plessow losgelassen auf dieser Reise. Seine Musikauswahl umarmt einen mit liebender Kraft und Wärme. Sie zu spüren, lässt das Herz höher schlagen.

Der letzte Ton verhallt. Die Türen zu seinem Musikkosmos schliessen sich. Höchste Zeit, noch einmal von vorne zu beginnen!

Tracklist:

1. Sun Ra – Door To The Cosmos
2. Electric Wire Hustle – Again (Scratch 22 Remix)
3. Rhythm & Sound – Mango Drive
4. Tony Allen – Ariya
5. Peven Everett – Stuck (Original)
6. Bad Jazz Troupe – Breakdown Treat – Dusty Rework (MCDE Edit)
7. Mr. Fingers – The Juice
8. Rick “Poppa” Howard – Can Your Love Find It’s Way (Club Vocal)
9. Stone – Girl I Like The Way That You Move (Dub)
10. Fred P – On This Vibe
11. Creative Swing Alliance – Don’t Forget Your Keyz
12. Geraldo Pino & The Heartbeats – Black Woman Experience
13. Philippe Sarde – Le Cortège Et Course
14. Robert Hood – The Pace
15. Loose Joints – Pop Your Funk (Vocal Version)
16. Arts & Crafts – I’ve Been Searching (Walter Gibbons 12” Mix)
17. Motor City Drum Ensemble – L.O.V.E. (DJ-Kicks)
18. Aphex Twin – Actium
19. Recloose – Cardiology (Isolée Mix)
20. Latecomer – Cosmic Cart
21. Timo Lassy – African Rumble
22. James Mason – Sweet Power, Your Embrace

English (short) version: soon. in the meantime, i highly recommend you to check out the DJ-Kicks compilation arranged and mixed by Motor City Drum Ensemble who is opening the doors to his musical cosmos and guides you through his various roots and influences that are Jazz, Soul, Funk, Disco, House and Techno.

{Dieses Review erscheint gleichzeitig auch auf NoMoreMindGames. Mehr zu dieser Plattform an anderer Stelle}

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DJ Kicks – Motor City Drum Ensemble @ K7!
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2 Kommentare zu „Motor City Drum Ensemble – DJ Kicks“

  1. Jetzt hast du micht verdammt noch mal total neugierig gemacht! Dabei wollte ich eigentlich keine CD-Mixes/Compilations/whatever mehr kaufen….
    Ich hätt’s mir denken können – ist ja schließlich MCDE!

  2. diese eine noch :). geht mir im übrigen genauso wie dir. diese dj kicks sticht aber aus sehr vielen mix-compilations heraus, und tut auch der dj-kicks-reihe gut, nach einer reihe enttäuschender ausgaben, u.a. wolf & lamb vs. soul clap. nichts gegen die künstler, aber diese compilation war für mich so’ne art rich kid hipster-house ansammlung… anyway. mcde c’est la classe!

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