The Abstract Eye – Cool Warm Divine

In sehr vielen Rezensionen ist immer wieder die Rede von Chicago, vielmehr noch von Detroit. Klar. Sie und keine anderen Siedlungen der Welt bilden das gedankliche Zweistromland, den geistigen und tatsächlichen Ausgangspunkt von House und Techno. Und das seit Menschengedenken. Deswegen werden sie auch so oft zitiert.

Höre ich jedoch in die Tracks rein, lasse ich mich vom Promo-Text dazu verleiten, frage ich mich regelmässig, aus welchem Takt der Promotext-Schreiber die ganzen Anleihen und Zitate so deutlich herausgehört hat. In den letzten Monaten ist es damit zwar etwas besser geworden. Doch vor zwei, drei Jahren war es richtig schlimm bestellt um diese kleinen Text’chen. Eine einfache, gleichförmig vor sich hin pluckernde Bassdrum mit warm timbrierten Untertönen, der Einsatz flächiger Synth pads sowie ein paar wohldosierte Claps obendrüber – das alles kann’s ja wirklich nicht sein.

Au ch nach unendlich vielen Stunden des Hörens vermag ich es nicht, aus dem Gehörten eine allgemeingültige Formel abzuleiten, deren Ergebnis einmal etwas melancholischer, einmal etwas euphorischer, so Inner City-mässig, ausfällt. Die Verwendung alter analoger Drumcomputer alleine amcht’s auch nicht aus. Die hat heutzutage sowieso jeder Produzent zuhause herumstehen – oder als analog sound plug-ins auf dem Rechner.

Was ist es dann? Oft hört beziehungsweise liest man gerne etwas über den improvisatorischen Geist, der wachend über den Tracks schwebt; der Bereitschaft, nicht stehen zu bleiben, sondern Ausflüge in experimentelle Gefilde zu unternehmen; und das bei Einhaltung aller formaler Objektivität.

Ehrlich gesagt: ich weiss es nicht. Und dennoch glaubt man, glaube ich, den fünf Tracks auf “Cool Warm Divine” ihre Herkunft von Übersee anzuhören. Warum dies? Mal zischt und zirpt es, mal erschrecken einen irrlichternde Bleeps, dann wiederum begeistern 303-, 707-, 808-artige Sounds, man meint, die ganze Roland-Familie leistet einen Beitrag zum klanglichen Aufbau dieser fünf Stücke. Wer steckt dahinter? Vielmehr als ein Pseudonym, ein Deckname, der die wahre Identität verborgen hält, wird uns nicht mitgeliefert. Der Produzent (die Produzentin?) nennt sich “The Abstract Eye” – mir bisher noch nicht bekannt gewesen. Veröffentlicht hat er seine EP auf Valentine Connexion Records. Aha. Da war doch was. Diese Angabe kann, könnte ein erster Anhaltspunkt sein. Denn auf Valentine Connexion Records veröffentlichte der – Detroiter! – Jimmy Edgar als Creepy Autograph vor unendlich langer Zeit ein paar 12″.

Ihm würde ich es durchaus zutrauen, 2011 auch als The Abstract Eye aufzutreten. Denn die fünf Tracks erweisen sich als ebenso körperlich wirkend, als ungestüm und ungezähmte, wild energetische Skizzen mit röhrenden Bässen, harmonisch-disharmonischen Keyboard-Akkorden, Fünf-Uhr-Morgens-Synthie-Pads, und so weiter und so fort. Auch die Vorstellung, dass der hochgewachsene, hagere Jimmy Edgar mit den beinahe eingefallen wirkenden Wangen sich im Rahmen einer Live-Performance an den Schaltknöpfen und Reglern seines analogen Maschinenparks abarbeitet und ihnen eine Musik entlockt, wie sie der Produzent der “Cool Warm Divine“-12” uns überliefert hat. Es ist eine Vermutung, wohlgemerkt. Eine Fehlvorstellung zu wecken liegt mir fern. Schlusswort? Killer!

English (short) version: all five tracks on this 12″ are an absolutely must have for the analoge fat sound lovers out there – be it a Detroit born and bred producer or not, who’s behind “Cool Warm Divine”. Powerful deep tight bass, crisp and rough drum loops all time, twisted synth melodies and all sorts of wired filth and acid grime. A groove that moves up and down. Great.

Mehr im Web:

Valentine Connexion Records @ discogs.com
The Abstract Eye – Cool Warm Divine @ Clone Records

Nach oben scrollen