Julius Steinhoff von Smallville: Der House-Musik-Romantiker

Julius Steinhoff ist Inhaber der House-Institution Smallville Records. Warum muss man als Labelbetreiber Romantiker sein? Ein Interview.

Deep House-Discjockeys sind die Romantiker der Clubmusik. Ihr Arkadien ist kein geografischer Ort. Sie suchen es im Sound der US-amerikanischen Städte New York, Chicago und Detroit. “Can you feel it?”, fragte Chuck Roberts Mitte der Achtzigerjahre in Larry Heards (Fingers Inc.) gleichnamiger Weltschmerz-Hymne. Seine symbolische Anrufung der House-Musik wirkt bis heute nach – auch bei Julius Steinhoff.

Der 38-Jährige hat 2005 in Hamburg den Plattenladen Smallville Records gegründet, zusammen mit Just von Ahlefeld (Dionne), Peter Kersten (Lawrence) und Stella Plazonja. Das gleichnamige Plattenlabel gibt es seit 2006. Mit Dionne bildet er das DJ- und Produzentenduo Smallpeople. Ihr Debütalbum “Salty Days” erschien 2012.

Seit Herbst 2014 lebt der gebürtige Freiburger mit seiner Familie wieder in seiner alten Heimat Freiburg, wo er am Donnerstag das zweijährige Bestehen seiner Partyreihe “Down By The Lake” im Waldsee feiert. Zeit für ein Gespräch über Auflegen, Musik machen, Labelarbeit und Lieblingsorte – bei einer Wanderung durch den Kaiserstuhl. Der Weg wird zum Ziel, wie es sich für Romantiker gehört.

Julius, was sind deine Lieblingsorte in Freiburg?
Julius Steinhoff: Ich habe einige Lieblingsorte in der Region. Die Weinberge bei Britzingen im Markgräflerland, die Berge im Schwarzwald und den Kaiserstuhl bei Oberbergen. Seit ich wieder in Freiburg lebe, entdecke ich viele neue schöne Flecken.

Die zeigst du auch auf deinem Instagram-Profil. Als Discjockey und Labelbetreiber verbringst du sicher viel Zeit in sozialen Netzwerken.
Julius Steinhoff: Ich betreue die Seiten meiner Plattenlabel, mein DJ-Profil und das für die Partyreihe Down By The Lake. Für diese nutze ich Facebook und Instagram als digitalen Flyer-Verteiler. Ich finde es aber fast schon schade, dass man sich inzwischen über sowas Gedanken machen muss.

Was meinst du genau?
Julius Steinhoff: Ich finde es anstrengend, dass diese Netzwerke den Informationsfluss beschneiden. Ich erreiche viele Menschen, die Neues von unserem Plattenlabel und unseren Künstlern erfahren wollen, nicht mehr so gut. Ich muss Geld in die Hand nehmen, um angezeigt zu werden. Wenn eine neue Platte auf Smallville erscheint und über den bezahlten Beitrag Bestellungen eingehen, hat sich das Werbebudget gelohnt. Aber es geht doch gar nicht darum, mehr Likes zu bekommen. Ich möchte so agieren, dass ich die interessierten Menschen tatsächlich erreiche.

Deshalb abonniert man eigentlich auch Seiten.
Julius Steinhoff: Ich frage mich, ob es irgendwann einmal eine Plattform geben wird, auf der ich die Möglichkeit habe, das zu sehen, was ich wirklich sehen möchte. Da möchte ich eigentlich hin. So eine Entwicklung habe ich als Discjockey, haben wir als Labelbetreiber, mitgemacht. Alles kam Schritt für Schritt, wir mussten nicht ständig irgendetwas pushen. Ich finde es schön, wenn etwas organisch wachsen kann und zu den Leuten, die von Anfang an dabei waren, immer mehr dazu kommen. Aber vielleicht bin ich da auch zu romantisch.

Romantisch. Das Stichwort fällt. Der Romantiker sehnt sich und strebt nach einem erhabenen, guten Gegenstück zur Gegenwart, die ihn umgibt. Eine kleine Alltagsflucht. Julius Steinhoff ist Discjockey, Produzent, Labelbetreiber. Ganz schön viele Fluchten.

Wieviel Romantiker muss man sein, um ein Plattenlabel zu führen?
Julius Steinhoff: Es kommt ganz darauf an, wohin man mit seinem Label möchte. So, wie wir das mit Smallville machen wollen und wie ich es mit Down By The Lake vorhabe, muss man definitiv Romantiker sein.

Was war der Auslöser, ein Plattenlabel zur Partyreihe zu starten?
Julius Steinhoff:
 Das Label war nicht von Anfang an geplant. Ich hatte aber Lust, meine Partyreihe mit etwas zu unterfüttern, das einen bleibenden Wert hat. Da ich die Türen und Wände im Waldsee immer mit den Flyern verziere, habe ich gemerkt, dass alles schöner und bunter wird. Dank Stefans Motiven (der Hamburger Grafiker Stefan Marx, d. Red.) habe ich auch die Möglichkeit, etwas Visuelles rüber zu bringen. Mit den Platten kann ich den Menschen, die nicht auf die Party kommen können, den Spirit vermitteln.

Ich stelle es mir schwierig vor, ein Kleinstlabel an den Start zu bringen.
Julius Steinhoff:
 Bei Fuck Reality, einem Sublabel von Smallville Records, habe ich gemerkt, dass man nur drei Dinge braucht. Die Musik, ein schönes Artwork und die Romantik. Bei Down By The Lake hatte ich nie die Veranlassung, das ganze groß in die Welt zu tragen. Ich weiß auch gar nicht, ob die Käufer wissen, dass es zum Label eine Partyreihe gibt und umgekehrt. Ich finde es aber auch schön, wenn die Gäste und Käufer das selbst entdecken. Wenn sie merken, dass es noch etwas Anderes gibt.

Zum Erscheinungstermin der ersten Platte gab es einen Vorverkauf auf der Party im Waldsee. Wie lief der?
Julius Steinhoff:
 Das mache ich eigentlich immer. Ich dränge es den Gästen aber nicht auf. An einem Abend hatte ich sogar zu wenig Platten dabei. Da hatte ich den Eindruck, dass viele Gäste Lust hatten, die Platte mitzunehmen, obschon sie vielleicht gar nicht wussten, was für Musik sie darauf erwartet. Vielleicht wollten sie einfach ein Andenken an die Party.

Andere hängen die Plakate ab.
Julius Steinhoff:
 Oder sie nehmen Flyer mit und machen damit etwas zuhause. Ich finde diesen Gedanken schön. Ich versuche mit dem Label Down By The Lake das weiter zu geben, was auf der Party musikalisch passiert.

Die Gast-DJs haben alle einen ganz eigenen Auflege-Stil. Wie spiegelt sich das im Plattenlabel wider?
Julius Steinhoff:
 Eli Verveine spielt andere Musik als Move D, der wieder legt anders auf als Lawrence. Trotzdem sind das Discjockeys, bei denen ich denke, dass sie alle gut zueinander passen. Genauso ist es auch bei den Produzenten der Platte.

Gibt es so etwas wie einen Down By The Lake-Sound?
Julius Steinhoff:
 Nicht unbedingt. Ich möchte das auch gar nicht groß beschreiben. Mir geht es um ein Gefühl. Das kann man nicht in Worte fassen. Musik zu betiteln ist ein riesengroßes Thema. Darunter haben wir mit Smallville vielleicht auch ein wenig gelitten.

Du sprichst den sogenannten Deep House-Hype an.
Julius Steinhoff:
 Den gab es ja zweifellos. Ich habe zunächst gar nicht realisiert, was dieser ausgelöst hat mit der Musik, die man schon immer mochte. Da kam eine Komponente dazu, die mit dem eigentlichen Sound überhaupt nichts zu tun hat. Die Künstler haben den Begriff aber für sich besetzt. Deshalb finde ich eine Betitelung meiner Musik und der Musik, die auf Down By The Lake erscheint, so schwierig. Mir geht es um das Gefühl.

Gefühle sind allerdings nicht greifbar.
Julius Steinhoff:
 Ich kann schwer sagen, was mich auf einer Platte einfängt. Ich habe immer diesen einen Moment, an dem sich bei mir einfach ein gutes Gefühl einstellt.

Was löst neue Musik in dir aus?
Julius Steinhoff:
 Auch hier ist es so, dass ich an einem Punkt ein gutes Gefühl habe. Oder auch nicht, wenn mir die Musik nicht gefällt.

Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Leute Musik produzieren. Wie filterst du aus der Menge der Promos heraus, was spannend für dich ist?
Julius Steinhoff:
 Bei Smallville war und ist das so, dass wir das Plattenlabel aus einem Freundeskreis heraus gestartet haben. Irgendwann hat sich dieser Kreis erweitert, durch das Auflegen, den Plattenladen, und so weiter. Da hat sich in den letzten Jahren viel verändert.

Viele schicken Promo-Pakete raus, da merke ich sofort, dass es ihnen nur darum geht, veröffentlicht zu werden. Das möchte ich nicht. Mir geht es um mehr als nur die Musik. Das kann ich schwer beschreiben, denn auch ich finde es toll, wenn ich Demos von jemandem bekomme, den ich erst später kennen lerne.

Bei wem war das so?
Julius Steinhoff:
 Bei Frantzvaag aus Oslo. Er ist ein junger Produzent, der zuhause in seinem Kämmerlein sitzt und Musik macht. Er hat uns ein paar Tracks geschickt und wir haben entschieden, ihn auf dem Smallville-Sublabel Fuck Reality zu veröffentlichen. Wir haben erst nach diesem Release bei ihm in Oslo aufgelegt.

Eine globalisierte Musikwelt öffnet auch die Tür, an andere Produzenten heran zu treten.
Julius Steinhoff:
 Total. Auch das ist vielleicht eine Art von Romantik, wenn man sich auf Unbekanntes und Unbekannte einlassen kann.

Inzwischen ist der Badberg erreicht, der Sattel zwischen den Kaiserstuhlgemeinden Schelingen und Oberbergen. Von dort reicht der Blick zum Haselschacher Buck und Eichelspitzturm und zum Totenkopf. In der Ferne verschwinden die Vogesen im Dunst. Den Romantikern galt das Wandern auch als Symbol, sich auf Neues und Unbekanntes einlassen zu können. In gewisser Weise ist Julius Steinhoff, der Produzent, Labelmacher und Discjockey, ein Wanderer durch den Clubsound der Gegenwart.

Wie war es eigentlich für dich, von Hamburg zurück nach Freiburg zu kommen?
Julius Steinhoff:
 Freiburg und Hamburg kann man nicht vergleichen. Ich bin immer noch einmal im Monat in Hamburg. Deshalb habe ich diese Stadt nicht verloren. Ich habe Freiburg dazugewonnen. In Hamburg hatte ich jedoch ein ganz anderes Selbstverständnis. Smallville hatte da ein Standing. Das ist hier anders. Aber ich finde es schön, hier etwas zu machen. Ich möchte, dass die Leute in Freiburg Musik in einem Clubumfeld hören können, für die sie sonst weiter weg fahren müssten oder die sie nur in Podcasts entdecken können.

Du vermisst rein gar nichts in Freiburg?
Julius Steinhoff:
 In der musikalischen Nische, in der ich mich bewege, gibt es ja nicht viel. Es fehlt ein Club, der einem die Sicherheit gibt, dass immer Leute auf die Partys kommen. Allerdings gibt es einige Leute, die sehr wertschätzen, was ich mache.

Als Künstler gibst du der Öffentlichkeit viel Persönliches preis. Wie gehst du mit Feedback um?
Julius Steinhoff:
 Ich finde Feedback sehr wichtig. Das muss nicht immer ausformuliert sein. Bei meinen Partys finde ich es immer schön, wenn die Gäste früh kommen und gleich auf die Tanzfläche gehen. Für einen Discjockey gibt es nichts Schöneres.

Der Abstieg nach Alt-Vogtsburg ist steil. In ein paar Tagen wird Julius Steinhoff wieder nach Hamburg fahren, mit Dionne im Golden Pudel auflegen und im Plattenladen nach dem Rechten sehen. Noch in diesem Jahr soll eine Schallplatte auf dem Londoner House-Label Church erscheinen. Das zweite Smallpeople-Album, an dem er mit Dionne arbeitet, wartet auf den Feinschliff. Vielleicht erscheint es noch in diesem Winter.

Und dann wäre ja noch das Projekt “Tonight Will Be Fine”, das er mit seinem Freund Abdeslam Hammouda betreibt. Düstere Stimmungen, verträumte Singer-Songwriter-Skizzen finden sich auf dem Debütalbum “Elephant Island”, das 2016 erschienen ist. Musik für die Nachtseite der Romantik. Jetzt aber wartet erst einmal die Familie.


Julius Steinhoff, 38, ist Inhaber des Plattenladens Smallville Records in Hamburg und betreibt mit Smallville, Fuck Reality und Down By The Lake drei Label für House-Musik. Im Sommer 2018 hat er die Twelve Inch “Along The Coast” auf Smallville veröffentlicht.Dort erschien 2014 auch sein Debütalbum “Flocking Behaviour”. Der gebürtige Freiburger lebt nach über 10 Jahren in Hamburg inzwischen wieder in seiner Geburtsstadt.


[Dieser Beitrag erschien am 17. September 2018 auch auf badische-zeitung.de]

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