Interview mit Robag Wruhme: Es gibt viel zu wenig guten Ambient

Fittichklopfer, Guppipeitsche, Bommsen Böff – Robag Wruhmes Songtitel klingen wie seine Musik, seine Musik klingt wie diese Worte: verrückt, verspielt, und trotzdem superdeep. An diesem Samstag, 20. Oktober 2012, legt der Jenaer Ausnahmeproduzent und DJ im Freiburger Club Schmitz Katze auf. Ich hatte die Möglichkeit, mich mit ihm für das Freiburger Online-Magazin fudder.de über die deutsche Sprache, Field Recordings und die Sehnsucht nach Ambient unterhalten.

Gabor, was ist dein Lieblingswort und wieso?

Mein Lieblingswort? Das kann ich dir nicht sagen. Ich habe so viele Lieblingswörter, da kann ich unmöglich eines davon herauspicken und als absolutes Lieblingswort darstellen. Das geht nicht. Ich kann dir dagegen sagen, welches Wort ich überhaupt nicht mag, sozusagen mein persönliches Unwort. Das wäre viel einfacher für mich.


Welches wäre das?

“Stückweit”. Wenn ich stückweit höre, bekomme ich immer schlechte Laune. Sofort. Auf der Stelle.


Warum?

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke, dass dies eine neue Wortschöpfung ist, die erst in den letzten Jahren Einzug in unsere Sprache gehalten hat. Dieses unsägliche Wort taucht überall auf, in der Politik, in der Wirtschaft und seit einiger Zeit auch im Kulturbereich, sagt aber überhaupt nichts aus. Deshalb bekomme ich jedes Mal schlechte Laune, wenn ich es höre.


Die Titel deiner Stücke bestehen sehr oft aus lautmalerischen Wörtern. Was steckt dahinter?

Mir ist sehr wichtig, dass jedes Lied seinen eigenen Namen erhält. Als ich angefangen habe, Musik zu produzieren, war es zunächst sehr schwer, den Stücken einen eigenen Namen zu geben. Ich wollte auch keine Titel verwenden, die es schon x-mal gab. Das ist langweilig. Deshalb musste ich zu jeder Produktion, zu der ich die vollständige musikalische Idee schon hatte, auch einen Titel suchen. Ich habe dann angefangen, Wörter aufzuschreiben, die mir im Alltag oder auf meinen Reisen zu den Gigs begegneten. Und jetzt wird es ganz einfach. Entweder belasse ich sie so, wie sie sind, oder ich lasse meine Phantasie ein wenig spielen und verfremde sie.

Ich gebe dir ein Beispiel. Nicht weit von Jena gibt es eine Autobahnkirche, die den Namen Brumby trägt. Das finde ich völlig abgefahren. Diesen Namen habe ich für eine kürzlich veröffentlichte EP verwendet. Allerdings habe ich das Wort Brumby nicht so nackt stehen lassen. Ich habe “Kapell” hintangestellt. Außerdem ergibt sich durch solche Namen eine zweite, sehr feine Sache. Sucht man im Internet danach, um beispielsweise herauszufinden, ob irgendjemand diese Tracks kostenlos ins Netz gestellt hat, findet man die Stücke sehr schnell. Meine Plattentitel sind also suchmaschinenoptimiert.

Manch ein Titel könnte auch Teil eines Gedichtes von Christian Morgenstern oder Hugo Ball sein. Wann hast du gemerkt, dass du die Gabe hast, auch mit Worten kleine Zaubergeschichten zu erzählen?

Mir ist das gar nicht so bewusst, dass meine Liedtitel auf Außenstehende so wirken. Allerdings bin ich ein ganz großer Fan der deutschen Sprache, ohne sie studiert zu haben. Ich finde es fantastisch, wieviele Wörter wir haben, um uns auszudrücken und ganz bestimmte Situationen zu beschreiben. Deshalb beschäftige ich mich auch sehr intensiv mit der Sprache als solcher und versuche, genauso wie in meiner Musik, Dinge aufzulösen, die Einzelteile miteinander zu verweben und daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Das gehört zu meinem Arbeitsprozess dazu. Oder das Wort gibt es bereits, ist aber so abgefahren, dass ich es zum Leben erwecken, dass ich es in Gestalt eines Titels kommunizieren muss.


Inwiefern beeinflusst die Sprache deine Musik? In deine DJ-Sets baust du auch immer wieder Samples aus Literatur und Film ein.

Zitate aus Filmen, ob auf Englisch oder Deutsch, haben eine ganz besondere Kraft. Deswegen habe ich beim Auflegen immer einige Samples dabei, zum Beispiel “Dein Herz ist wie ein Vogel im Käfig, aber wenn du tanzt dann wird es befreit und steigt auf zum Himmel”, das ich dem Film Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran entnommen habe. Dieser Satz hat eine magische Wirkung, und wenn man eine gute Party hat, und man spielt ihn über eine Melodie oder in einem Break, verleiht er der Nacht einen besonderen Zauber.


Auf deinem Album Thora Vukk…

…ist das ganz etwas anderes. Bei einem Album tauchen ja immer grundsätzliche Fragen auf. Was will der Produzent damit? Will er uns etwas sagen und was will er uns sagen? Ich wollte ganz bewusst vermeiden, den Hörer auf eine gewisse Fährte zu locken und ihm vorzugeben, wie er das Album zu hören hat. Stell dir nur vor, das erste Lied hat irgendetwas mit “Nebel” oder “Sonne” im Titel. Dann denkt der Hörer sofort: ‘Okay, und was ist das für ein Nebel? Ist der Morgennebel gemeint? Und was hat die Musik damit zu tun?’

Verleihe ich den einzelnen Stücken dagegen Phantasienamen, kann jeder Hörer für sich entscheiden, was er mit der Musik anfängt. Er kann somit das Bestmögliche aus dem Sound herausholen und ein Album kann für jeden zum eigenen, ganz persönlichen Soundtrack werden. Ich habe zwar die Musik gemacht, aber der Hörer kann seiner Phantasie freien Lauf lassen und ist nicht an eine Art Dogma gebunden. Jedenfalls empfinde ich es so.


Woher nimmst du denn die Inspiration für deine Arbeit?

Darauf kann ich nicht wirklich eine Antwort geben. Es gibt Momente, da denke ich, dass meine Kreativität ausgeschöpft ist. Vor drei Jahren hatte ich ein Burnout und machte eine Zeit durch, in der ich einfach so da saß und es hat überhaupt nicht gekribbelt. Es hat nicht im Ohr gekribbelt, nicht im Gehirn, es hat nirgendwo gekribbelt, Da dachte ich schon, das war’s. Aber die Kreativität ist zurückgekommen.

Das kann ich jedoch nicht beeinflussen. Ich verlasse mich schon seit Jahren auf mich und weiß, dass da etwas ist und dass auch etwas kommt. Aber woher die Kreativität kommt und welchen Weg sie geht, das kann ich dir nicht sagen. Zum Glück ist das so. Weil wenn ich dies wüsste, dann wäre alles so berechenbar. Und das macht keinen Spaß.

Auf deinem Album Thora Vukk öffnen sich zarte Klangräume, die an Field Recordings erinnern. Ist das ein Thema für dich?

Ja, auf jeden Fall. Früher hatte ich immer ein größeres Gerät mit dabei. Da gab es diese ganzen Apfelprodukte noch nicht Das ist jetzt aber anders. Da reicht das Telefon einfach aus, um diese ganzen Sounds aufzunehmen. Aber auf Thora Vukk finden sich sehr viele Samples, die ich mit einem richtigen Aufnahmegerät eingefangen habe.

Einmal flog ich nach London und kam am Flughafen Heathrow an. Dort musste ich in der Abfertigungshalle auf mein Gepäck warten. Ich war der einzige, der in der großen Halle wartete. Und als sich die Gepäckförderanlage in Bewegung setzte, erzeugte die Reibung zwischen Gummi und Metall ein abgefahrenes Geräusch. Das floss in das Album ein, genauso wie das Geräusch, welches beim Einschalten einer Leuchtstoffröhre entsteht. Das habe ich für den Track “Bommsen Böff” verwendet.

Sprachsamples, Field Recordings, wie sieht ein typischer Robag Wruhme-Produktionsalltag aus?

Rhythmus ist wichtig, ist aber sehr schwer in die Tat umzusetzen. Als ich an Thora Vukk gearbeitet habe, gab es sehr viele Tage, an denen ich früh aufgestanden bin, ohne mir das jedoch vorzunehmen. Ich bin aufgewacht, bin ins Studio und habe angefangen zu arbeiten. Das war eine unglaublich intensive Phase. Ich war in einer ganz anderen Welt. Das ist beim Produzieren aber immer so. Wenn ich aus dieser Phase erwache, wenn ich mir später die Sachen anhöre, die ich gemacht habe, dann weiß ich gar nicht mehr, wie ich dahin gekommen bin. Ich habe das Ergebnis, kann aber den Weg dorthin nicht mehr rekonstruieren. Das ist ziemlich abgefahren.

Ich denke, dass solche Zeiten auch sehr kraftintensiv sind.

Auf jeden Fall. Nachdem das Album fertig war, habe ich eine Pause gemacht. Das war sehr wichtig. Zumal man als DJ an den Wochenenden auch stets gefordert ist. Doch auch hier versuche ich, nicht zu übertreiben. Ich lege höchstens zweimal hintereinander auf, und wenn ich auf Tour bin, dann ist das Wochenende davor und danach frei. Denn man möchte ja jedes Mal auch gut sein und den Leuten eine schöne Nacht bereiten. Deshalb kann ich nicht schon am Mittwoch mit Auflegen beginnen und am Sonntag erst nach Hause kommen. Fünf Tage am Stück gut drauf sein, das geht nicht.


Wo und wie tankst du Kraft auf?

Das ist ein sehr wichtiger Aspekt in meinem Leben geworden. Ruhe finden, Dinge tun, die einem gefallen, die nicht im Kontext der Musik stehen und sich nicht nur auf Lesen und Filme gucken beschränken. Bei mir sind das einmal das Fahrrad fahren und seit einiger Zeit das Kochen. Da kann ich sehr gut abschalten von dem ganzen Wahnsinn, den man als DJ erlebt. Bei mir geht es dann fast wie in den Kochsendungen zu. Ich bereite zuerst alles vor, und dann wird losgelegt.

Das scheint bei DJs sehr beliebt zu sein, Rainer Trüby, Ata…

…ja. Ata ist ja ein Profi. Aber bei mir ist das wirklich ein Hobby und eine sehr schöne Betätigung, um eine innere Ruhe zu finden. Das möchte ich auch gar nicht professionalisieren. Der Zauber ginge verloren.

Und was steht in diesem Jahr noch für dich an?

Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, nichts mehr im Studio zu machen. Dann aber kamen interessante Anfragen und auch befreundete Musiker haben um einen Remix gebeten. Und so sitze ich doch wieder im Studio, arbeite an Remixen und am Horizont taucht bereits das nächste Albumprojekt auf. Ich brenne darauf, zwei zu machen. Eines für den Dancefloor und eines, das etwas ruhiger ist. Es gibt viel zu wenig guten Ambient…

…etwas, das du in den Neunziger Jahren zusammen mit Volker Kahl als ‘Beefcake’ produziert hast.

Richtig. Beefcake war mein allererstes Projekt, als es bei mir mit elektronischer Musik losging. Nach den ersten zwei Produktionen hatten wir bereits einen Plattenvertrag in der Tasche und bekamen Remix-Aufträge. Da ist jedoch nur wenig Tanzbares dabei, dafür umso mehr experimentelle Musik. IDM, Illbient, Ambient.

Ich habe auch als DJ zunächst sehr viel Ambient gespielt, Musik, die auf Label wie Warp oder Rephlex erschien und sehr viel Material mit Harmonien und Melodien. Etwas, das man hören kann, ohne dass es anstrengt. Das geht heute so gut wie gar nicht mehr. Die Clubs haben zwei oder drei Floors, und auf jedem läuft Bumm Bumm. Früher dagegen gab es in jeder Location auch einen Bereich, auf dem Ambient lief. Ich vermisse das.

ENGLISH SHORT VERSION

I had the chance to do a little interview with Robag Wruhme in advance of his gig in Freiburg on Saturday, 20th october. Please excuse that there will be no english translation.

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Soundcloud: Robag Wruhme
Webseite: RobagFM

YouTube: Culture Dox 008 – Robag Wruhme
XLR8R: Podcast 201 – Robag Wruhme
Soundcloud: Robag Wruhme – Electronic Beats Radio Mix

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