Jahresrückblick (1): Alben 2013

Kim Brown – Somwhere Else It’s Going To Be Good – Just Another Beat

Es ist eine grosse Herausforderung, “Nichtinfizierten” zu erklären, warum House fasziniert. Kickdrums pulsieren stoisch und ordnen sich dem metrischen Gerüst des Viervierteltaktes unter. Synthesizerklänge schwellen an, verdichten sich zu epischen Sphären und verhallen wieder. Mal wechseln schnelle Pianoläufe mit ostinaten Akkordfolgen. Dann wieder klagen Saxophon und Flöte und Streicher weiten sich zu hymnischen Passagen aus.

House muss mehr sein als nur diese Elemente, die in ihrem Zusammenwirken Wahrnehmungsreize auslösen und Gefühlszentren so aktivieren, dass sich körperliche Reaktionen einstellen. Genau da setzen der Berliner Musikwissenschaftler und einstige de:bug-Redakteur Ji-Hun Kim und sein Partner Julian Braun, das sind Kim Brown, an. Mit ihrem Debütalbum “Somewhere Else It’s Going To Be Good”, erschienen im Herbst 2013 auf dem Label Just Another Beat, offenbaren sie ihre Auffassung von House als einen Sehnsuchtstraum. Betrachtet man ihre Stücke, die einzelnen Traumsequenzen genauer, so fallen auch hier Chicago, Detroit und New York als Fluchtpunkte ihrer House-Kulturverehrung auf, allerdings frei von jeglichem Pathos. Und das macht “Somewhere Else It’s Going To Be Good” so gross, so wunderbar!

Mehr zu Kim Brown:

Facebook: Kim Brown
Soundcloud: Kim Brown
RedBull: Interview mit Kim Brown: “Wie bei Bambi und Klopfer” 
Groove: Kim Brown: Groove Podcast 23
Freunde von Freunden: Mixtape #53 by Ji-Hun Kim

Cola & Jimmu – Enigmatic – Herakles

Die mythologische Figur des Herakles zieht an. Sie ist gottgleich und unsterblich auf der einen, dem Rausch und der Musik verfallen auf der anderen Seite. Was will nun derjenige mitteilen, der sein Label nach dieser Figur benennt? Will er den Hörer mit den Veröffentlichungen in einen Musikrausch versetzen und ihm gleichzeitig den Imperativ mitgeben, stets sittlich gut zu handeln?

Herakles musste diesen Konflikt in seinen Prüfungen überwinden. Genauso steht am Scheideweg, wer House produziert. Da steht das Wissen um die grossen Tugenden, herausgetrieben aus dem Leben und Wirken der Urväter dieses Genres, im Widerstreit mit der unbändigen Lust, die oftmals einengenden, weil absoluten Grenzen dieses Genres aufsprengen zu wollen.

Lassi Lehto, das ist Jimi Tenor, hat in seiner Ehefrau, der Soulsängerin Nicole Willis, eine Verbündete gefunden, um diesen Konflikt zu überwinden. Das Ergebnis: das Album “Enigmatic”, erschienen im Sommer 2013. Statt Köcher und Bogen, Keule und Fell des Nemeischen Löwen sind ihre herakleischen Attribute Drumsequenzen, wie sie nur einer 909 entlockt werden können, Streicher, Synthies, Orgelakkorde und beider Musiker Stimmen.

Mehr zu Cola & Jimmu:

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Webseite: Nicole Willis
Webseite: Jimi Tenor
Finger Magazine: Interview: Jimi Tenor
Clubbing Spane: Podcast 116: Jimi Tenor

John Heckle – Desolate Figures – Tabernacle Records

Heute kann jeder ein House- oder Techno-Produzent sein. Rechner hochfahren, im Netz nach Produktionssoftware suchen, eigene Tracks basteln, fertig. Doch kreativ und ein Künstler sein – das kann nicht jeder.

Auch John Heckle aus Liverpool hat als Teenager erste Schritte mit gecrackter Software gemacht, wie er im Interview mit dem Musikmagazin The Quietus sagt. Das war zu Beginn der Nullerjahre. Heute, rund zehn Jahre später, hat der englische Elektronikmusiker seinen eigenen Kosmos zwischen House und Techno aufgespannt. Chicago, Detroit, ein Fuhrpark analoger Geräte und seine Leidenschaft, aus den klaren, rhytmischen und harmonischen Strukturen beider Genre in einen offenen Raum hinauszutreten, bilden dessen Grundlage.

Das zeigt Heckle besonders in seinem Album “Desolate Figures”, das im Herbst auf Tabernacle Records erschienen ist, sein Zweites nach “The Second Sun” (Mathematics, 2011). In den neun Tracks, die Titel wie ” Frankenstein’s Sweet Nectar” oder “Death Of A Spaceman” lauten, bringt er sinnliche, melancholische Soundlandschaften mit aufreibenden Rhythmusorgien zusammen. Die Klangbilder wechseln schnell, von traurig-entseelt zu sexuell aufgeladen.

“John Heckle war überragend. Vielleicht das beste Set überhaupt? Kann man nicht in Worte fassen, muss man erlebt haben”, sagte ein Mitglied des Freiburger Disc Jockey- und Produzenten-Trios LA Rokoko nach ihrer Rückkehr vom Dimensions Festival 2013. Das wird spätestens nachvollziehbar, sobald man “Desolate Figures” gehört hat.

Mehr zu John Heckle:

Facebook: John Heckle
Soundcloud: John Heckle
Webseite: John Heckle
Pop Your Funk: Interview: John Heckle
The Quietus: Interview: John Heckle
Juno Plus: Keeping It Raw: John Heckle
Juno Plus: Podcast: John Heckle
The Skinny: Blurring Boundaries: John Heckle

Lawrence – Films & Windows – Dial

Der Hamburger Peter M. Kersten alias Lawrence gehört zu den Produzenten, die über eine hohe ästhetische und emotionale Sensibilität verfügen.  Das zeigt sich – unter anderem – in der Fähigkeit, seine über inzwischen sechs Alben und zwei Dutzend EPs gereiften musikalischen Sprache wieder und immer wieder um neue Nuancen und klangliche Texturen zu erweitern. Das wiederum zeigt, wie wichtig es Lawrence ist, jedem einzelnen Element eine Stimmung, eine Atmosphäre abzugewinnen.

So auch auf “Films & Windows”, im Spätsommer 2013 bei Dial erschienen. Während manch ein zuvor veröffentlichter Track statisch wirkte und das Tor zur Schwermut öffnete, vermitteln die Stücke auf diesem Longplayer ein Gefühl des Über-sich-Hinauswachsens, des Schwebens. Dafür sorgen Synthesizerflächen und -tonfolgen, die mit perlender Leichtigkeit ineinander fliessen und sich mit Basslines zu einem pulsierenden, zugleich transparenten Gewebe verdichten. Mein persönlicher Höhepunkt: “Teenage Barb”, eine meditative Klangschönheit, die zeigt, dass die Musikalität des Hamburger Elektronikmusikers Lawrence weit über die eng gezogenen Grenzen einer Tanzfläche hinaus reicht.

Mehr zu Lawrence:

Facebook: Lawrence
Soundcloud: Lawrence – Films / Windows (Album Preview)
Taz: Neues Album von DJ Lawrence: Das Leben der Boheme
RBMA Radio: Fireside Chat with Lawrence
Little White Earbuds: Interview with Lawrence
Resident Advisor: Portrait: Lawrence – The Constant Gardener

Omar-S – Thank You For Letting Me Be Myself – FXHE Records

Viele Produzenten kreisen mit ihren Tracks um die US-amerikanische Stadt Detroit – und kommen trotzdem nie dort an. Alex Smith, besser bekannt als Omar-S, lebt und arbeitet dort. Noch immer habe ich seine Worte vor Augen, die er im 2009 im Interview mit Resident Advisor sagte: “‘Psychotic Photosynthesis’ is the best record I’ve heard in ten years from any-damn-body.”

Und was kam dann von ihm? “Here’s Your Trance Now Dance“, “Nelson County” oder “Blown Valvetrane” sind nur einige der Platten, die ersterwähntem Stück meiner Ansicht nach in nichts nachstehen.  Dieses Jahr folgte mit “Thank You For Letting Me Be Myself” ein weiteres Album, das zusätzlich zum Titeltrack jede Menge musikalische Perlen enthält. “This is the shit, baby!”, möchte man da in Anlehnung an den Titel einer weiteren Omar-S-Platte rufen.

Mehr zu Omar-S:

Webseite: FXHE Records
Juno Plus: Interview: Omar-S
Fact Magazine: Interview: Omar-S
Soundcloud: Omar-S – Thank You For Letting Me Be Myself
Soundcloud: Omar-S – 60 Minutes Boiler Room Mix



Weitere grossartige Alben 2013:

Johannes Albert – Hotel Novalis – Frank Music
Steven Tang – Disconnect To Connect – Smallville
Drei Farben House – Choice Item – Tenderpark
Damiano von Erckert – Love Based Music
Recondite – Hinterland – Ghostly
Jonsson / Alter – 2 – Kontra Musik
Outboxx – Outboxx – Idle Hands
Axel Boman – Family Vacation – Studio Barnhus
Mano Le Tough – Changing Days – Permanent Vacation

1 Kommentar zu „Jahresrückblick (1): Alben 2013“

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