Ausgehtipps der Woche 40: 30. September 2013 – 6. Oktober 2013

Das Buch “Wir nennen es Arbeit” von Sascha Lobo und Holm Friebe enthält auf den ersten Seiten einen Satz, der sich mir tief eingeprägt hat. Ein Anzeichen von Fremdbestimmtheit im Arbeitsleben sei, wenn man anfange, von Kalenderwochen zu sprechen, das Leben in Kalenderwochen einzuteilen, das Leben den Kalenderwochen unterzuordnen. Dieser Satz hat sich bei mir so tief eingeprägt, dass ich lange Zeit Angst hatte, Kalender überhaupt nur zur Hand zu nehmen. Mache ich bis heute kaum. Dann kam das iPhone, dessen digitalen Kalender und seine Organizer-Funktionen ich sehr schätze. Seither macht mir das Wort Kalenderwoche nicht mehr ganz so viel aus. Ich kann an diesem Abend auch nahezu frei von Angstzuständen “Ausgehtipps der Woche 40” in die Titelzeile schreiben.

I Donato Dozzy in der Hinterhof Bar, Basel, Samstag, 5. Oktober 2013.

Ambient, Dub und Techno; Stücke mit düsteren Synthesizerflächen und Tracks aus hypnotisch pulsierenden Drum-Grooves; Rezensionen, in denen wenigstens einmal das Wort “subaquatisch” oder “atlantisch” erscheint: das verbinde ich mit Donato Dozzy, dem italienischen Disc Jockey und Produzenten. Sein Debütalbum “K” ist gerade einmal drei Jahre alt. “Voices From The Lake”, der Longplayer seines gleichnamigen Projekts, einer Kooproduktion mit Giuseppe Tillieci alias Neel, erschien letztes Jahr.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ich Fan. Ich freute mich, ihn auf dem Nachtdigital-Festival 2012 zu erleben, zumal Techno-Tastemaker wie die mnml ssgs-Jungs stets auch von Dozzys Qualitäten als Disc Jockey geschwärmt hatten. “Dozzy at Labyrinth, just beyond reach”, hiess es da. Und so weiter. Es sollte anders kommen. Dozzy musste seinen Gig absagen. Am Samstag spielt er in der Hinterhof Bar in Basel. Eine gute Gelegenheit, diese Techno-Bildungslücke zu schliessen, wenn nicht…

II Patrice Scott in der Lady Bar, Basel, Samstag, 5. Oktober 2013.

…zur selben Zeit Patrice Scott (im Bild oben) aus Detroit für ein DJ-Set in der kleinen Lady Bar erwartet würde. Patrice Scott, Sistrum Recordings und Detroit gehören für mich untrennbar zusammen, auch wenn der Produzent und Disc Jockey mit seinem Label noch gar nicht so lange auf dem Zeitstrahl Detroiter Techno-Geschichte existieren. Als er im Herbst 2006 die EP “Atmospheric Emotions” veröffentlichte, hatten Leute wie Juan Atkins schon zwanzig Jahre und mehr auf dem Produzentenbuckel, aber eigentlich ist es doch völlig unbedeutend, wer wo wie lange dabei ist und öffentlich wahrgenommen wird.

Fest steht: Patrice Scott ist ein hervorragender Disc Jockey. Wer sich an sein Set, das er 2009 auf dem Shift Festival in Basel gespielt hat, erinnert, wird das bestätigen. Sein tiefendynamisches Set hatte diesen ganz besonderen Flow, wie ihn nur DJs aus Detroit erzeugen können. Gibt es zum Nachhören in der Online-Mediathek der Red Bull Music Academy Radio Show. Für alle, für die 2009 schon sowas von ausserhalb des Zeitgeists ist: Patrice Scott hat den aktuellen Groove-Podcast eingespielt.



III Mano Le Tough in der Tour Seegmuller, Strassburg, Samstag, 5. Oktober 2013.

Wenn der Berliner Disc Jockey und Innervisions-Chefdenker Dixon einen Kollegen lobt, ihm auch in sozialen Netzwerken mächtig Anerkennung zollt, kann dieser Kollege nicht so schlecht sein. Der Ire und Wahlberliner Niall Mannion, das ist Mano Le Tough, ist einer dieser Ausgezeichneten, a DJs DJ sozusagen. Auf Prins Thomas’ Label Internasjonal bin ich ihm zuerst begegnet. Dort stiess er 2009 ins Kriegshorn, veröffentlichte sein 12″-Debüt, gefolgt von mehreren Vinylschallplatten auf Mirau, Buzzin Fly und Permanent Vacation, wo auch sein Album “Changing Days” erschien. Songtitel wie “Eurodancer”, “Baby, Let’s Love” oder “In My Arms” lassen erahnen, was ihm als Produzent am Herzen liegt: das Sammeln und Teilen von Gefühlsmomenten. Ebensolche vermittelt er auch an den Decks.


IV Karocel in Schmitz Katze, Freiburg, Mittwoch, 2. Oktober 2013.

Der erste Ausgehtipp für Freiburg schon für heute Abend: Marbert Rocel, Mathias Kaden und Michael Nagler sind Karocel, eine deutsche Elektronikband, die am Mittwoch in Schmitz Katze auftritt. Ihre Mitglieder verbindet so etwas wie eine Sandkastenfreundschaft. Sie kommen (fast) alle aus Thüringen, aus Erfurt, Gera, Jena, Weimar, und aus Leipzig in Sachsen. Sie haben das Entstehen einer ostdeutschen Rave- und Clubkultur erlebt, haben zusammen in der Muna in Bad Klosterlausnitz und im Jenaer Kassablanca gefeiert, kennen sich also schon Jahre lang.

Trotz voller Terminkalender – Mathias Kaden ist ein gefragter Disc Jockey, Marbert Rocel-Mitglied Marcel Aue ist unter anderem Tour-DJ von Clueso – haben es die sechs irgendwann einmal zu gemeinsamen Studiosessions geschafft. Wichtigste weitere Stationen: ein erster Auftritt vor ausgesprochen offenem, dennoch kritischem Publikum beim Nachtdigital-Festival 2010, Auftritte bei der Fusion, dem Melt! oder der SMS und nach intensiven Jamsessions im Herbst 2012 das Album “Plaited”, das zum Sommer diesen Jahres erschien. Auf “Plaited” zeigen sich Karocel offen für Einflüsse von Jazz, Synth Pop und Disco und verbinden diese mit tiefen Bässen und klassischen House-Grooves.

V Homework in Schmitz Katze, Freiburg, Freitag, 4. Oktober 2013.

Siehe: Homework in Schmitz Katze: Spaß und ein gutes Gefühl haben

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