Tobias Thomas von Kompakt Records im Interview: Durch die Welt reisen und auflegen ist ein Privileg

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Tobias Thomas gehört seit über 20 Jahren zur Familie von Kompakt Records und kümmert sich heute vor allem um das Künstlermanagement. Am 18. Februar spielt er bei Allez in Straßburg. Ob bei Kompakt immer noch vegetarisches Brainfood serviert wird, erzählt er im Interview.

Thomas, was hast du heute zu Mittag gegessen?

Tobias: Eine Art Semmelknödel mit Pilzsauce und Salat. Der Semmelknödel war mit roter Beete versetzt, weil unsere Köchin total Rote-Beete-besessen ist. Danach gab es noch Kuchen, weil einer unserer Mitarbeiter heute seinen letzten Tag hatte.

Das „gesunde vegetarische Brainfood“, wie Wolfgang Voigt diese Kost einmal in einem Interview bezeichnet hat, wird bei Kompakt also immer noch gekocht.

Tobias: Ja, das wird immer noch gekocht. Wir sind zwar nicht mehr so Hardcore-Vegetarier, wie wir das vor zehn Jahren noch waren. Viele haben doch wieder angefangen, Fleisch zu essen. Sie sind in eine andere Lebensphase eingetreten, der Geschmack hat sich geändert oder die Gene haben sich gemeldet. Doch das tun wir im Privaten. Bei Kompakt gibt es mittags fast immer vegetarische Kost, aufgelockert durch ab und zu Fisch. Das gesunde, vollwertige Essen steht nach wie vor stark im Mittelpunkt der Firmenpolitik. Auch, dass wir einen Ort haben, an dem wir zusammen kommen, uns unterhalten und danach wieder an unsere Arbeitsplätze zurück gehen.

Das klingt sehr familiär.

Tobias: Ist es auch.

Was hält denn diese Familie im Jahr 2017 noch zusammen?

Tobias: Wie es der Begriff der Familie schon nahe legt, ist Kompakt etwas, das auch durch widrige Umstände, Veränderungen oder Einflüsse von Außen nicht so leicht auseinander zu nehmen ist. Der soziale Kitt besteht aus einer gegenseitigen Verbundenheit, einer gegenseitigen Verantwortung.

So viel Harmonie herrscht also bei Kompakt?

Tobias: Die vier Besitzer von Kompakt Records haben sich schon sehr aufeinander eingelassen. Zwei sind ja ohnehin miteinander verwandt (Wolfgang und Reinhard Voigt, d. Red.). Sie haben aber ihre Bereiche so gegeneinander abgegrenzt, dass jeder seinen Freiraum hat. Trotzdem ist ganz klar, dass alle vier sich diesem Betrieb gemeinsam verpflichtet fühlen und auch nicht in den nächsten zwanzig Jahren andere Pläne haben. Sie sind Eigentümer des Gebäudes, in dem wir residieren. Dort befinden sich der Plattenladen, die Büros und Studios. Das verbindet auch auf einer wirtschaftlichen Ebene. Die Freundschaft und Verbundenheit ist einfach sehr eng, ohne dasss immer nur pure Harmonie herrscht.

Ich denke, die Kölner Mentalität spielt da auch eine gewisse Rolle. Wir fühlen uns sozial sehr verpflichtet, ganz nach dem Motto „Echte Fründe ston zesamme“. Wir bilden auch schnell eine Wagenburg, wenn von außen etwas auf uns eindringt, das unser Gefüge bedrohen könnte. Dennoch verstehen wir uns als ein offenes und transparentes Unternehmen, das neue Leute gerne rein lässt und auf andere Leute zu geht. Wir kapseln uns nicht ab. Nach außen mag das manchmal so wirken. Aber in der Praxis handhaben wir es nicht so.

Wie bist du eigentlich Mitglied dieser Familie geworden?

Tobias: Eigentlich fast von Minute eins an. 1992 bin ich mit meinem Kollegen und Freund Michael Mayer von Offenburg nach Köln gezogen. Ein knappes Jahr später haben unter anderem Wolfgang Voigt und Jörg Burger den ersten Plattenladen aufgemacht. Der hieß damals noch Delirium. Michael und ich sind da so reingeschlittert, haben uns als Anfangzwanziger das angeguckt und relativ schnell eine Seelenverwandtschaft gespürt. Wir haben uns angefreundet mit den Leuten, die das gemacht haben. Vier, fünf Kölner treffen auf zwei Süddeutsche. Die Kölner waren alles Musikproduzenten und Künstler, aber keine Discjockeys. Die haben nicht an der Front gearbeitet und die Musik an den Mann oder die Frau im Club gebracht. Da haben wir, Michael und ich, als Discjockeys eine Lücke gefüllt und das Team ergänzt.

Was waren die größten Herausforderungen, die Label und Vertrieb seither erlebt haben?

Tobias: Definitiv die Digitalisierung. Der Umbruch oder der Zusammenbruch der klassischen Musikindustrie. Ich weiß gar nicht, ob man das auf ein bestimmtes Jahr zurück datieren kann. Aber keiner war darauf vorbereitet, dass MP3s einmal die Welt erobern sollten, dass Leute mit einem iPod durch die Gegend laufen und dass Piratentauschbörsen entstehen. Bis dahin badete die klassische Musikindustrie noch im Geld. Im Zuge dessen sind viele große Label und Vertriebe gestorben.

In der Zeit, in der Kompakt Records durch diesen Sturm hindurch musste, war ich nicht aktiv an Bord des Labels. Ich habe das nur durch meine persönliche Verbundenheit zu den Gründern erfahren. Dass die durch diese unruhigen Zeiten so gut hindurch gekommen sind, war nur möglich, weil das Unternehmen im Vergleich zu großen Plattenfirmen relativ flexibel und wenig war. Kompakt Records konnte sich vergleichsweise gut auf die neue Situation einstellen.

Trotzdem habt ihr immer Vinyl veröffentlicht.

Tobias: Unter dem Label Kompakt Records wird nachwievor ein Plattenladen betrieben. WIr haben uns immer zur Vinylkultur und zur DJ-Kultur bekannt. Dieses Bekenntnis haben wir stets propagiert. Heute ist Kompakt Records zwar ein mittelständisches Unternehmen, sieht sich aber immer noch dieser Nischenkultur verpflichtet. Diese Seele hat uns nie verlassen. Das war und ist in Zeiten von Marktverschiebungen ein absoluter Pluspunkt. Wir waren und sind weiterhin attraktiv für Discjockeys und Produzenten, die bei uns Platten veröffentlichen und bei uns Platten kaufen wollen.

Seit einigen Jahren ist sogar von Vinyl-Revival die Rede.

Tobias: Ja. Auf einmal ist Vinyl wieder stärker nachgefragt. Auch große Plattenlabel und -unternehmen bringen Musik ihrer Künstler wieder auf Vinyl heraus. Bands wie Radiohead, U2 oder Björk wollen wieder auf Vinyl veröffentlichen, weil es ein Statussymbol ist, ein Sammlerobjekt, man kann die Kundenbindung wieder emotionalisieren und mit irgendwelchen Sonderveröffentlichungen locken. Eigentlich ein Treppenwitz der Musikgeschichte.

Das führt nun dazu, dass die Kapazität in den noch verbliebenen Presswerken gar nicht ausreicht, die Nachfrage zu bedienen. Statt sechs, acht Wochen muss man auf einmal ein halbes Jahr warten, bis das Vinyl aus dem Presswerk kommt. Man muss nun lange im Voraus planen, und das ist eigentlich nicht ideal für kleine Plattenlabel, die auf Spontanität angewiesen sind und auch mal sagen „hey, der Track ist geil, den bringen wir gleich raus.“ Der Hype in der Nische ist auch irgendwie kontraproduktiv für die Nische.

Wie bedient Kompakt Records diesen starken Nachfragemarkt?

Tobias: Wir sind sehr positiv eingestellt. Wir freuen uns, dass wir wieder mehr mit dem Produkt Schallplatte arbeiten können und selber Sonderveröffentlichungen oder Sammelboxen veröffentlichen können. Wir können auch von kleinen Label, die wir vertreiben, wieder andere Stückzahlen verkaufen. Das finanziert zwar nicht den Betrieb, doch es ist schön, dass Vinyl nicht gestorben ist und dass die Schallplatte einen gewissen Wiederhall in der Szene und bei einem breiteren Publikum findet.

Wir betreiben ja auch dieses Projekt des Kompakt PopUp-Stores in diversen Städten. Da kommen die Leute in großer Zahl zu uns. Wir haben eine direkte Verbindung zu den Käufern und können andere Zusammenhänge entstehen lassen. Im kultuellen, sozialen und wirtschaftlichen Bereich zu wachsen, ist für eine Marke wie Kompakt sehr wichtig.

Was muss denn ein Künstler mitbringen, um bei Kompakt zu veröffentlichen?

Tobias: Das verlässt eigentlich meinen Kompetenzbereich, denn ich bin vor allem im Bereich Künstlermanagement und Booking tätig. Label und Vertrieb sind andere abteilungen. Michael (Mayer, d. Red.) steuert vor allem das Label, die Veröffentlichungspolitk macht er mit zwei Mitarbeitern. Ich bin diesbezüglich nicht involviertt und kann schlecht sagen, wie das funktioniert.

Ich kann nur sagen, wie das bei mir funktioniert. Kompakt Records als Plattform für Künstler ist geprägt durch die letzten zwanzig Jahre. Viele Künstler sind bei uns, die möchten wir nicht vom Hof jagen, nur weil da ein paar jüngere Künstler auftreten, die einen gerade angesagten Sound produzieren. Wir sind auf eine gewisse Art bewusst konservativ und halten an Verbindungen fest, um den Markenkern, den sozialen Kern nicht zu verlieren. Gleichzeitig dürfen wir dabei nicht ganz von gestern wirken.

Wie baut man eigentlich einen Künstler auf?

Tobias: Es gibt sehr viele klassische Managementstrategien, Pressearbeit, Social Media, Videos, schickes Instragram-Account pflegen, total auf Anonymität setzen, das ganze Spektrum. Das sind für mich aber nur begleitende Maßnahmen, um das Produkt optimal reifen zu lassen. Es hängt meiner Meinung nach aber an der Qualität des Künstlers, und dazu gehört heute eine Mischung aus hoher musikalischer Fähigkeit, Talent, Charisma, sozialen Fähigkeiten; und dann muss es auch der richtige Moment sein.

Der richtige Moment. Ist das nicht eine Floskel?

Tobias: Ich kann etwas, das nicht in den Zeitgeist oder eine Strömung passt, nicht mit Gewalt in den Markt hinein promoten. Aber es passiert sehr oft, dass jemand fünf, zehn Jahre im Stillen vor sich hin wurschtelt, Platte um Platte veröffentlicht, ganz viel aufgelegt hat, und dann nimmt die Welt ihn wahr. Dann geht das von einem Ohr zum anderen, es entsteht etwas, das man Hype nennt, und in der durchmedialisierten Welt multiplizieren sich die Dinge viel stärker. Innerhalb von ganz kurzer Zeit kann man dann zu ganz guter Berühmtheit kommen, ob das nun in der Subkultur der elektronischen Musik ist oder im Mainstream dieser Musik.

Plakativstes Beispiel dafür ist ja so jemand wie Paul Kalkbrenner. Das hat sich kein Management ausgedacht. Der hat zehn, fünfzehn Jahre seinen Ostberliner Techno-Sound gemacht. Diesen einen glücklichen Umstand, diesen Funken, brauchen Künstler. Es gibt noch etwas Unbestimmtes, und das kennt man nicht. Das ist wie das geheime Kraut, das ein Koch ins Essen macht, und auf einmal schmeckt das Gericht ganz wundervoll.

Aber dieses Unbestimmte hält die Spannung doch hoch.

Tobias: Wäre alles total berechenbar, wäre es Betriebswirtschaftslehre und nicht mehr Kunst und Kultur.

Als Discjockey bist du viel herumgekommen. Was haben diese Reisen bei dir persönlich bewirkt?

Tobias: Es war und ist ein unfassbares Privileg, dass ich mit meinem Hobby in eine privilegierte Position komme, dass ich durch die Gegend fliege, reise, die ganze Welt sehe und meine Eltern jedes Mal staunen, in welche Länder ich komme. Das war damals unvorstellbar, dass es so etwas geben kann. Auch, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die sich für so eine Art von Musik interessieren.

Australien, Japan, Georgien: Dass elektronische Musik eine so globale Bewegung werden würde, auf deren Rücken man surfen kann, so viele unterschiedliche Menschen und Kulturen kennen lernen kann, soziale, kulinarische Eindrücke sammeln darf, war nicht vorstellbar. Das lässt einen zu einem Kosmopoliten werden, wenn man es nicht schon zuvor im Herzen war. Das Reisen muss einem Herz und Seele und Verstand öffnen. Es entzieht sich meinem Verständnis, wenn jemand diesen Beruf ausübt und die Möglichkeit hat, zu reisen und trotzdem Nationalist oder ein politisch engstirniger Mensch bleibt. Erst recht, wenn man es nicht als Manager macht und wirtschaftliche Interessen durchsetzen muss, sondern in einem musikalisch-künstlerischen Auftrag unterwegs ist.

Kannst du das genauer ausführen?

Tobias: Elektronische Musik ist ja eine Kultur, die für Offenheit und Toleranz steht und stehen sollte. Für das Gefühl eines Miteinanders, im Club etwas zu erleben, über Grenzen hinaus zu gehen und eine gewisse Transzendenz zu erleben; Werte und Erfahrungen, die auch die Neunzigerjahre für uns so spannend gemacht haben, weil damals alles so explodiert ist und kultiviert wurde. Das ist ein Spirit, den man mit sich trägt, den man dann in anderen Regionen der Welt wiederfindet. Und wenn man ihn nicht wiederfindet, vielleicht in einem eher autoritären Staat auflegt, versucht man, etwas von diesem Spirit in der Nacht zu vermitteln. So pathetisch sich das auch anhört. Das ist meiner Meinung nach ein wesentlicher, integrativer Bestandteil meines Berufs.

Welches Erlebnis hat dich denn als Discjockey besonders beeindruckt?

Tobias: Ich denke, am meisten beeindruckt haben mich immer die Reisen nach Japan. Das ist einfach eine ganz andere Kultur, die so unfassbar spannend und aufregend ist, dass man eine Zeit lang nur staunend durch die Gegend läuft. Irgendwann fängt man an, alles aufzusaugen. Sprache, Essen, was dort in Sachen Jazz oder elektronischer Musik passiert, ist mit nichts vergleichbar. Was für Clubs, was für Codes dort herrschen.

Wenn man dorthin fährt, wird man auch gut betreut; im Club erkennt man als Discjockey so eine Art Resonanzraum, man bekommt Feedback, auch wenn die Leute vielleicht erstmal gar nichts mit der Musik zu tun haben.


ZUR PERSON: Tobias Thomas
Kompakt Records besteht seit über 20 Jahren. Hervorgegangen sind Plattenlabel und -laden sowie der Vertrieb aus dem Plattenladen Delirium, 1993 von unter anderem Wolfgang Voigt und Jörg Burger gegründet. Von Anfang an mit dabei ist Tobias Thomas, Jahrgang 1970, der zu Beginn der 90er Jahre mit Michael Mayer, Mitinhaber von Kompakt Records, aus Offenburg nach Köln gezogen ist. Thomas, Discjockey und Produzent seit etwa 1990, kümmert sich heute, nach Stationen als Redakteur beim Musikmagazin Spex und Programmleiter des Kölner Musikfestivals c/o pop, um das Künstlermanagement bei Kompakt Records.

Soundcloud: Tobias Thomas
Facebook: Kompakt Records
Soundcloud: Kompakt Records
Webseite: Kompakt Records


Was: Allez w/ Tobias Thomas, Martin Elble
Wann: Samstag, 18. Februar 2017, 23 Uhr
Wo: Mudd Club, Straßburg

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New Yorker Discokultur der Siebziger Jahre, House aus Chicago, Techno aus Detroit - drei von Bernhards liebsten Leidenschaften.

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