Podcast: Philipp Demankowski

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Stichwort Balearic. In diese Genre-Richtung zielt Philipp Demankowski mit seinem Podcast. Doch was bedeutet Balearic eigentlich? Ein Gespräch über Spielbares, Unspielbares und sein Plattenlabel Uncanny Valley.

„Balearic“ ist ein weit gefasster Begriff. Wie definierst du ihn für dich?

Philipp Demankowski: Für mich geht es darum, Musik zu spielen, die sich jeglichen Genrekonventionen verweigert. Von Soft Rock über Disco bis Wave und Proto-Techno kannst du alles spielen. Dark oder sunny. Neu oder alt, obwohl aktueller House oder Techno doch recht selten vorkommt. Ich habe Balerica auch immer als eine Mischform aus Hören und Tanzen wahrgenommen. Das heißt, man kann gut entspannen, aber beim Tanzen vielleicht ein paar andere Emotionskanäle bedienen als bei einem straighten Set. In diesem Sinne drückt Balearica auch irgendwie die Liebe zur Musik aus. Und meine Definition ist natürlich unglaublich beeinflusst von Leuten wie Alfredo oder Harvey. Am meisten aber von den Cosmic-DJs wie Daniele Baldelli oder Beppe Loda.

„Balearic“ sei eine Ausrede, um schräge Popsongs auflegen zu können. So hat Bill Brewster einmal das Genre beschrieben. Wie siehst du das? Stimmst du zu?

Philipp Demankowski: Das hat er sicher mit Augenzwinkern gesagt. Aber ja, da ist schon was dran und wenn man den Mix hört, sind ja mit den Eurythmics oder auch JJ Cale ein paar Big Player dabei. Trotzdem kennen die Nummern ja die wenigsten. Das Eurythmics-Stück war beispielsweise die B-Seite von „Sweet Dreams“. Und ich finde das schön, wenn man Leuten Lieder zeigt, die denen dann gefallen. Nicht nur DJs, die ja immer mal nachfragen, sondern auch die ganz normalen Tänzer und Hörer. Bei aller Liebe zum Diggen habe ich es auch immer nie verstanden, dass man so einen Kult um Geheimwissen bei DJs macht. Stichwort Secret Weapons. Ist doch super, wenn man was Schönes teilen kann.

„Anything goes“ war das Auflegemotto von DJ Alfredo. Inwieweit trifft das auf dich zu?

Philipp Demankowski: Ich spiel auch gern straighte Sets, weil das eben auch eine ganz eigene Dynamik hat. So dass man im Idealfall die Zeit vergessen kann. Aber die Freiheit zu haben, alles spielen zu können und dabei trotzdem einem roten Faden zu folgen, ist schon was Besonderes beim Auflegen. Irgendwie auch eine spezielle Herausforderung. Man mixt ja nicht nur, in dem man beatmatcht.

Wo ziehst du für dich als DJ die Linie zwischen „möglich/spielbar“ und „unmöglich/unspielbar“?

Philipp Demankowski: Die einzige Grenze ist mein Musikgeschmack. Dann spielt natürlich das Setting eine Rolle. Im Club spiele ich natürlich völlig anders als im Sommer an der frischen Luft. Man muss auch schauen, was man den Leuten zumuten kann. Als Kind der DDR hab ich sicher auch noch irgendwo so ein Dienstleister-DJ-Gen.

Welche deiner Platten hast du tatsächlich noch nie gespielt – und warum?

Philipp Demankowski: Ich hab noch ne Menge Punk-, Garage und Stoner-Rock-Platten von früher, die jetzt vielleicht nicht so Klassikerstatus haben, die ich aber aus nostalgischen Gründen immer noch gern habe. Sowas spiele ich auch zuhause kaum noch. Aber weggeben will ich sie irgendwie auch nicht.

Du moderierst die Sendung „UV Funk“ auf coloRadio, legst alleine oder mit Conrad Kaden beziehungsweise Albrecht Wasserleben als Uncanny Valley Soundsystem auf, kümmerst dich um drei Plattenlabel. Wie weit bist du von einem Workaholic entfernt?

Philipp Demankowski: Dazu kommt noch unser Festival DAVE und ’nen normalen Dayjob. Klingt viel, aber letztendlich mache ich alles bis auf UV Funk mit Freunden zusammen. Zudem sind das alles Sachen, die Spaß machen. Und ich achte streng darauf, genug zu entspannen. Und falls es doch mal zuviel wird, hab ich ja Familie und Freunde, die ihr Recht einfordern.

Uncanny Valley gibt es seit rund fünf Jahren. Wie hat sich die Labelarbeit in dieser Zeit verändert?

Philipp Demankowski: Wir sind routinierter geworden, denke ich. Jeder hat seine Rolle gefunden. Wir mussten ja viel lernen über die ganzen Abläufe und auf was, man alles achten muss. Es gibt organisatorische Sachen, von denen ich auch heute noch absolut keinen Plan habe. Aber eben dann einer der anderen drei. Und wenn dann einer mal aus Zeitgründen weniger für das Label machen kann, muss eben ein anderer einspringen und wieder neu lernen. Verändert haben sich auch die Vorproduktionszeiten. Auch wir spüren, dass die Presswerke mehr zu tun haben und wir aufgrund des Vinyl-Hypes länger auf die Pressungen warten müssen.

Was ist als Labelbetreiber einfacher, was schwieriger geworden?

Philipp Demankowski: Schwieriger ist die Auswahl der Platten, weil wir einfach mehr Material haben, das sich lohnt, veröffentlicht zu werden. Wir haben schon vergleichsweise viele Releases und Ermüdungserscheinungen wollen wir natürlich vermeiden. Einfacher ist eben der ganze organisatorische Kram geworden, obwohl es auch immer wieder Fallstricke gibt.

Keine UV-Platte klingt wie die andere. Den Uncanny Valley-Sound gibt es nicht. Oder etwa doch?

Philipp Demankowski: Nein, es war nie das Ziel einen speziellen Sound zu entwickeln. Dafür sind auch die Künstler zu unterschiedlich. Vielmehr wollen wir eher helfen, dass diese sich entwickeln. Für die härteren Sachen gibt es auch shtum, dass sich inzwischen auch zu einem eigenständigen Label mit festem Künstlerstamm entwickelt hat. Rat Life kann man ebenfalls fast schon als Balearic-Label bezeichnen, da es ja von Credit 00 kuratiert wird und er auch einen sehr vielseitigen Geschmack hat.

Was steht für 2016 an?

Philipp Demankowski: UV ist eigentlich schon fast wieder durch dieses Jahr. Als nächstes kommen Platten von Panthera Krause, Chinaski, Credit 00, Massimiliano Pagliara, Jacob Korn und Cuthead. Außerdem jeweils ein Album von CVBox und Credit 00. Auf shtum kommt demnächst eine neue Leibniz und eine Compilation. Für Rat Life gibt es auch viel und spannendes Material. Aber da sollte man sich am besten überraschen lassen.

PODCAST

TRACKLIST
Tortoise – Ten-Day Interval
Tones On Tail – Lions
Antena – Achilles
J.J. Cale – Cherry
Prince Far I & The Arabs – Back Weh
Allez Allez – African Queen
Tony Esposito – Pagaia
Jorge Ben – Ponta de lança africano (Umbabarauma)
Pliers – Bam Bam
Venus Gang – Love To Fly
Claudja Barry – Love For The Sake Of Love (Extended Version)
Bilgeri – Video Life
The Style Council – Long Hot Summer (Demankowski Edit)
The Unknown Cases – Masimba Bele
Dissidenten – The Good Old Days of Tomorrow Are Now
Krootchey – Qu’est-ce qu’il a (d’plus que moi ce négro là?)
Savage Progress – My Soul Unwraps Tonight (Extended Version)
Dillinger – Funky Punk
Eurythmics – Monkey Monkey
Pedestrians – Commuter Fantasy
Kraftwerk – Musique Non Stop
Edgar Winter – Above and Beyond


Zur Person

Philipp Demankowski, 33, schreibt, moderiert, legt auf, organisiert. Der gebürtige Dresdner ist Journalist, unterhält die Radiosendung UV Funk auf coloRadio, ist Mitgründer des Plattenlabels Uncanny Valley und dessen Sublabels shtum und Rat Life. Er gehört zum Organisationsteam des Dresden Audio Visual Festivals (DAVE) und veranstaltet die Balearic Sunday-Partys. Sein Mix für Emotional Content ist eine Reminiszenz an das Jahr 2015.

Soundcloud: Philipp Demankowski
Uncanny Valley: Philipp Demankowski

Facebook: Uncanny Valley
Soundcloud: Uncanny Valley
Webseite: Uncanny Valley

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About Author

New Yorker Discokultur der Siebziger Jahre, House aus Chicago, Techno aus Detroit - drei von Bernhards liebsten Leidenschaften.

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